Sonderausstellung
DER 9. MAI. FORMEN DES GEDENKENS AN DAS KRIEGSENDE 1945


Laufzeit: 8. Mai – 30. August 2015


Der 9. Mai gilt heute als wichtigster Feiertag in der Russischen Föderation sowie in vielen anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Kaum eine Familie blieb von der beispiellosen Gewalt der deutschen Kriegführung gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg unberührt. Daher gehören der Krieg und das Andenken an die im Krieg verstorbenen Verwandten zur Familienerinnerung. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten am 9. Mai, dem „Tag des Sieges“, stehen die zentralen Gedenkveranstaltungen wie u.a. die Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau. Bei näherer Betrachtung ist jedoch erkennbar, dass die individuellen Gedenkpraktiken dieses Tages um einiges vielfältiger sind als diese in den Medien viel beachteten Veranstaltungen.

Mit den unterschiedlichen Facetten dieses Tages hat sich eine interdisziplinäre und international zusammengesetzte Gruppe von Wissenschaftlern im Jahr 2013 beschäftigt. Im Fokus der Beobachtungen und Interviews am 9. Mai 2013 standen die einzelnen Aktionen und Orte: Die Organisatoren der Feierlichkeiten sowie die Festbesucher wurden zu ihren Motivationen befragt. Der Ort des jeweiligen Kriegsdenkmals, Platzes oder Parks wurde dazu in Beziehung gesetzt. Die Bilder und Interviews, die dabei entstanden sind, geben Einblicke in die unterschiedlichen Gedenkpraktiken am 9. Mai 2013 in 25 Städten in elf Ländern. Für die vorliegende Ausstellung wurden aus diesem Material Fotografien aus achtzehn Städten ausgewählt, u.a. Vilnius (Litauen), Moskau, St. Petersburg, Grosny (Russische Föderation), Minsk (Belarus), Charkiw (Ukraine), Wien und Berlin. Präsentiert werden sie unter den Gesichtspunkten Räume, Menschen, Rituale und Dinge.

Räume und Denkmäler sind zentral für die Interaktionen am 9. Mai. Bei den Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ sind sie eng verwoben mit den Ritualen und Dingen, die wiederum nicht von den Menschen zu trennen sind: Es sind die Menschen, die diesen Tag zu einem lebendigen Gedenk- und vor allem Feiertag machen. Aktiv sind nicht nur die Veranstalter und die Personen, die auf den Bühnen auftreten, sondern alle Besucher. Fast alle gratulieren den Veteranen oder legen Blumen an der „Ewigen Flamme“ am Kriegsdenkmal nieder. Ein wichtiges Anliegen vieler Menschen ist es, das aktive Gedenken an die Verwandten, die im Krieg gestorben sind oder gekämpft haben, an ihre Kinder weiter zu geben. Wie in zahlreichen Ländern der Welt ist auch im postsowjetischen Raum die Bedeutung einer Individualisierung des Erinnerns als derzeit wichtigste Entwicklung hervorzuheben.

Was Rituale betrifft, so ist die wachsende Präsenz religiöser Bräuche am 9. Mai eine vielerorts zu beobachtende neuere Entwicklung. Von besonderer Bedeutung sind auch die Brüche mit den Traditionen der sowjetischen Rituale des 9. Mai. So wurden in den baltischen Staaten alle vormals positiv besetzten sowjetischen Gedenkorte und -tage aus dem öffentlichen Raum entfernt. Dort ist es umstritten, ob es sich beim 9. Mai um den „Tag der Befreiung“ von der deutschen Besatzungsherrschaft handelt oder um den Beginn einer neuerlichen Besatzung – dieses Mal durch die sowjetische Armee. In anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion wird dieser Tag weiterhin offiziell gefeiert.

Auch hier kommen neue Erinnerungsformen hinzu, die mit eigenen Traditionen verknüpft werden. In der Ukraine wurde beispielsweise Anfang 2015 darüber diskutiert, den Feiertag auf den 8. Mai zu verlegen, das Datum, an dem in Westeuropa an das Kriegsende erinnert wird. In der Republik Belarus wurde im Frühling 2015 ein polarisierendes Symbol der russischen Kriegserinnerung, das schwarz-orange gestreifte „Georgsbändchen“, das 2005 populär wurde, verboten. Dort wurde eine neue Schleife in den Nationalfarben eingeführt.

Ungeachtet von Konflikten bleibt der 9. Mai auch 70 Jahre nach Kriegsende ein wichtiges Datum: Auch außerhalb der Länder der ehemaligen Sowjetunion ist das Datum nicht unbekannt. Großen Zuspruch finden beispielsweise die Feste an den sowjetischen Ehrenmalen in Berlin und Wien. Es sind nicht nur russischsprachige Berliner, die das Fest im Treptower Park begehen: Am 9. Mai 2014 wurden hier über 12.000 Besucher gezählt. In Israel und in den USA entstehen neue Denkmäler auf Initiative von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion.

Die Ausstellung ist Teil des Forschungsprojektes „Sieg, Befreiung, Besatzung: Kriegsdenkmäler und Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa“ das in Kooperation vom Einstein Forum (Potsdam) mit der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien (an den Universitäten München und Regensburg) und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst durchgeführt wird. Gefördert wird dieses Projekt von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst.

Kuratorin der Ausstellung ist Dr. Cordula Gdaniec (Einstein Forum), unter Mitarbeit von Dr. Mischa Gabowitsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Einstein Forum und Dr. des. Ekaterina Makhotina, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians Universität München sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst. Die Grafik verantworteten Albrecht Ecke und Karen August von eckedesign und die Produktion Ina Menard von eckeprojekt. Den Aufbau übernahm Matthias Biering vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst.

Die Fotos und Interviewzitate in der Ausstellung stammen aus dem Forschungsprojekt „Sowjetische Kriegsdenkmäler und postsowjetische Siegesfeiern“, geleitet von Dr. Mischa Gabowitsch und Dr. Elena Nikiforova, mit Unterstützung von Memorial (Moskau) und dem Französisch-Russischen Zentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften (2013). Die zitierten Forscher/innen und Fotograf/innen sind: Elena Belokurova, Olga Davydova-Minguet, Alena Epifanova, Olga Filippova, Alexander Formozov, Ansgar Gilster, Margarita Kabakova, Evgenii Krinko, Tatiana Khlynina, Natalia Kolyagina, Natalia Konradova, Vadim Latypov, Aliaksei Lastouski, Ekaterina Makhotina, François-Xavier Nérard, Olga Procevska, Olga Reznikova, Alexandrina Vanke, Dmitrii Vorobyev, Anna Yudkina und Tatiana Zhurzhenko. Zusätzliche Fotos stammen von Anton Chomutenko, Eric Gourlan, Valerija Pintschuk sowie aus dem Archiv der Initiative „Unsterbliches Regiment“.


Ansprechpartnerin:
Dr. Cordula Gdaniec
Kuratorin der Ausstellung
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