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Die Oktoberrevolution der Bolschewiki war von der deutschen kaiserlichen
Regierung unterstützt worden, weil diese mit der neuen Regierung
den Weltkrieg an der östlichen Front beenden und ihr im März
1918 in Brest-Litowsk den Frieden diktieren konnte. Der Friedensvertrag
verschob die deutschen Grenzen weit nach Osten und schuf eine Reihe
abhängiger Staatsgebilde vom Baltikum über die Ukraine
bis in den Kaukasus. Das halbkoloniale Imperium in Osteuropa brach
schon im November 1918 mit der Niederlage und der Revolution in
Deutschland zusammen. Während die sowjetrussische Regierung
jetzt auf die Radikalisierung der Revolution in Deutschland hoffte,
sahen deutsche Führungsschichten in der eigenen Revolution
ein Werk der Bolschewiki. In den Bürgerkriegs- und Unabhängigkeitskämpfen
der baltischen Staaten kämpften deutsche Truppen und Freikorps
gegen die "roten" Bürgerkriegstruppen.
Nach dieser Phase feindseliger Konfrontation näherten sich
Deutschland und Sowjetrussland zwischen 1920 und 1922 einander wieder
an. Beide Staaten sahen sich im Gegensatz zu den Siegermächten
des Weltkriegs und insbesondere zu Polen. Verbindend wirkten wirtschaftliche
Interessen. 1922 nahmen durch den Vertragsabschluss von Rapallo
beide Länder wieder normale Beziehungen auf. In dem Berliner
Vertrag von 1926 wurden diese Beziehungen ausgebaut. Am engsten
gestalteten sich die deutsch-russischen Beziehungen in der geheimen
Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee. Seit
der Mitte der zwanziger Jahre wurden in der Sowjetunion Zentren
für die Flieger-, Panzer- und chemische Kampfführung der
Reichswehr eingerichtet, die ihr durch den Versailler Vertrag verboten
waren. Die Sowjetunion profitierte von diesen Entwicklungen wie
auch von der Generalstabsausbildung der Reichswehr.
Trotz dieser engen Zusammenarbeit, die sich auch auf viele Bereiche
von Wissenschaft und Kultur erstreckte, fürchteten beide Seiten
im Grunde das andere System und hofften auf dessen Zusammenbruch.
In der Sowjetunion schufen Bedrohungsvorstellungen von einer weltumspannenden
kapitalistischen Verschwörung das Klima einer fortgesetzten
Belagerung. Dieses Feindbild war nicht von nationalen, sondern sozialen
Klischees bestimmt. Sowjetrussland unterstützte daher auch
die deutschen Kommunisten, die in einer zweiten Revolution die Weimarer
Republik nach sowjetischem Vorbild umwälzen wollten. Aus der
anfänglichen Unterstützung wurde bis zur Mitte der zwanziger
Jahre eine straffe Anbindung der KPD an die sowjetische Politik.
Für die deutschen Kommunisten verband sich die Isolierung in
der eigenen Gesellschaft mit der Idealisierung der sowjetischen.
Auf der anderen Seite sahen sich in Deutschland große politische
Gruppen wie auch die Kirchen durch den "Bolschewismus"
fundamental bedroht. In der Auseinandersetzung mit dem revolutionären
Anspruch dominierte ein undifferenziertes Feindbild, das traditionelle
Russlandfurcht, Schreckbilder von Anarchie und Revolution wie auch
Antisemitismus zu umfassenden Bedrohungsängsten vereinte. Mit
dem Schlagwort des "Kulturbolschewismus" wurde die gesamte
kulturelle Moderne mit den Schrecken des sowjetischen Herrschaftssystems
gleichgesetzt.
Unabhängig von diesen vielschichtigen Beziehungen zwischen
beiden Ländern gab es auch innerhalb beider Gesellschaften
deutsch-russische Berührungspunkte. Durch die Revolution waren
Hunderttausende von russischen Emigranten nach Deutschland gelangt.
Viele blieben auf Dauer. Auch in der Sowjetunion lebten mehrere
Millionen Deutsche schon seit dem 18. und 19. Jahrhundert. Dazu
kamen in den zwanziger Jahren Deutsche in die Sowjetunion, teils
aus politischer Überzeugung, teils auch nur, um Arbeit zu finden.
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