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Philipp Lichterbeck
Vor fünf Jahren flammte der Straßennamenkampf in Berlin wieder auf.
An vorderster Front kämpfte der CDU-Abgeordnete Günter Toepfer für
die Rückbenennung des Bersarinplatzes in Baltenplatz. Der Name des
ersten sowjetischen Stadtkommandanten Berlins sollte vollständig
aus dem Stadtbild getilgt werden, da Nikolaj Bersarin, so der Christdemokrat,
ein Stalinist gewesen sei, der 1940 47 000 Letten habe deportieren
lassen und die größte Bücherverbrennung im Baltikum geleitet habe.
Außerdem verantworte Bersarin die sowjetischen Gräueltaten beim
Einmarsch in Berlin. Kurz nach der Wende hatte man deshalb die Bersarinstraße
in Petersburger Straße rückbenannt und den Namen des Russen aus
der Ehrenbürgerliste Berlins gestrichen. Umso erstaunter liest man
dieser Tage in der FAZ, der Mann "war ein Glücksfall für die Stadt".
Vielleicht ist das das größte Kompliment für Peter Jahn, den Leiter
des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst. Die kleine, gründlich
recherchierte Schau zum Leben des Generals fügt sich hervorragend
ein in das Konzept des Museums, dessen Leitmotiv lautet, "Mythen
auseinander zu knacken und mit Klischees aufzuräumen", wie der Museumschef
formuliert.
Seit 1995 zeigt das Museum Karlshorst die Dauerausstellung "Erinnerung
an einen Krieg", die von den Leiden beider Völker und den Verbrechen
beider Armeen handelt. Anders als in der "Wehrmachtsausstellung",
die die Verbrechen der Wehrmacht plakativ darstellt, setzt man hier
nicht auf Effekte, sondern auf die Faszination des Originaldokuments
und die Attraktivität des Unfassbaren. Deutsche und sowjetische
Wochenschauen laufen unkommentiert und ohne Ton, man kann eine Rede
Himmlers vor SS-Angehörigen in Posen hören oder Schlachtpläne im
Original bewundern. Das Gros der Ausstellung bilden Privatfotos
von Wehrmachtssoldaten und Bilder der sowjetischen Kriegsberichterstatter:
unspektakulär, nüchtern erklärt.
Die Ausstellung über Bersarin funktioniert unter anderem als Lehrstück
über die Entzauberung von Legenden. Der General hat unmittelbar
nach der Kapitulation nur knapp sieben Wochen die Geschicke des
zerstörten Berlins geleitet; aber als er im Juni 1945 bei einem
Motorradunfall ums Leben kam, gab es bereits wieder Strom, die Lebensmittelversorgung
funktionierte, öffentliche Verkehrsmittel fuhren, eine neue Verwaltung
war ins Leben gerufen. "In der Verantwortung des Kommandanten Bersarin
war der leblose Stadtkörper reanimiert worden", steht im Ausstellungskatalog.
Doch die Plünderungen und Vergewaltigungen seiner Soldateska konnte
Bersarin erst durch grausame Strafmaßnahmen stoppen.
Den differenzierten Blick auf diesen Vertreter der Siegermacht ließ
der Kalte Krieg nicht zu. Je nach Ideologie wurde Bersarin als gesichtsloser
Held gefeiert oder als Repräsentant einer Armee verdammt, die man
nicht als Befreier sah, sondern als Vorboten des stalinistischen
Terrors. Dank der Mithilfe von Bersarins Töchtern, die zahlreiche
Familienfotos zur Verfügung gestellt haben, ist es nun gelungen,
beide Klischees zu entlarven und den General als Individuum zu zeigen
wie auch als Produkt der sowjetischen Gesellschaftsordnung. Bersarin
war kein Held. 1938 ins Visier der stalinistischen Säuberer geraten,
verleugnete er (zu diesem Zeitpunkt schon ermordeten) Freunde und
ehemalige Vorgesetzte und setzte, der Anklage knapp entronnen, seine
Bilderbuchkarriere in der Sowjetarmee fort. War er deshalb der Prototyp
des willenlosen Funktionärs? Als Militär war Bersarin an Befehle
gebunden, er galt als entschlossen und gebildet und der Sache der
Partei ergeben; doch zum Missfallen des Kreml bewahrte er sich seine
Marotten. Als "disziplinlosen Rowdy" beschimpfte ihn Stalin wegen
seiner Leidenschaft für schnelle Motorräder. Auch Bersarins Kontakte
mit Vertretern aus dem bürgerlichen Lager und seine Unterstützung
für die Einführung des Religionsunterrichts in Berlin stießen in
Moskau auf Misstrauen. Aus Stalins distanzierter Haltung haben diejenigen,
die in Bersarin den Vertreter eines Kommunismus mit menschlichem
Antlitz sehen wollten, die Legende von seiner Ermordung durch den
NKWD gestrickt. Bersarin war am 16. Juni mit einer Zündapp KS 750
an der Kreuzung Am Tierpark/Alfred-Kowalke-Straße in eine Lastwagenkolonne
gerast und auf der Stelle tot. Nichts spricht für eine Verschwörung,
auch wenn der arrangierte Unfall zum Repertoire des sowjetischen
Geheimdienstes gehörte. Der General beherrschte einfach das deutsche
Motorrad nicht, das ihm von seinen Soldaten geschenkt worden war.
Eine neue historische Lesart entwickelt die Ausstellung für Bersarins
Pragmatismus beim Wiederaufbau des in Schutt und Asche gelegten
Berlins. Auf vielen Bildern erscheint er als sich kümmerndes Familienoberhaupt
zwischen seiner Frau und den beiden Töchtern. Der frühe Verlust
seiner Eltern hatte ihm die Bedeutung des familiären Zusammenhalts
schmerzlich eingeprägt; in Berlin übertrug er seine Vaterrolle auf
die Stadt, sprach fürsorglich von "seinen Berlinern" und war erstaunlich
engagiert, wenn es um die Bedürfnisse der städtischen Zivilgesellschaft
ging. Der Sowjetoffizier als erster Stadtvater Berlins? Das passt
so wenig ins Feindbild wie die Tatsache, dass Bersarin erst 1941
ins Baltikum versetzt worden war und deshalb mit den Deportationen
und Bücherverbrennungen in Lettland nichts zu tun hatte.
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