zur Startseite GebäudeMuseumSammlungServiceInternLinksFörderer
zur Startseite
Leitbild
Dauerausstellung
Sonderausstellung
Rezeption

 
Museum . Rezeption . Berliner Morgenpost, 11.07.2000

Bersarins Ehrung im politischen Kreuzfeuer
Kulturausschuss: SPD, B 90/Grüne und PDS wollen sowjetischen Stadtkommandanten rehabilitieren
 

Von Jola Merten

Kontrovers und erregt diskutierte gestern der Kulturausschuss über die Wiederverleihung der Ehrenbürgerwürde an Berlins ersten sowjetischen Stadtkommandanten Nikolaj Bersarin. Eine klare Mehrheit von SPD, Bündnisgrünen und PDS sprach sich - gegen die CDU - für einen entsprechenden Antrag von B 90/Grüne aus. Er soll bereits am Donnerstag im Parlament behandelt werden.

1992 war Bersarin, dem 1975 posthum die Ehrenbürgerwürde in Ostberlin verliehen worden war, vom Senat aus der Ehrengalerie der Stadt verstoßen worden. "Ein Unrecht, das wir wieder gutmachen wollen", sagte Irana Rusta von der SPD. Ihre Partei hatte bereits im März dem Koalitionspartner CDU einen Antrag auf Rehabilitierung Bersarins zugesandt, doch der ließ ihn schmoren, so dass die Grünen nachpreschten und am 9. Mai ihrerseits einen Antrag einreichten. Genug Zeit für die CDU, sich mit der historischen Persönlichkeit Bersarins auseinander zu setzen. Doch der CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns plädierte nun überraschend für eine Vertagung des Antrages bis nach der Moskau-Reise des Kulturausschusses. "Es war die Politik Stalins, Kreide zu fressen. Ob Bersarin, der nur sieben Wochen lang in Berlin wirkte, sich tatsächlich im Sinne der Menschlichkeit verhielt, das wollen wir in Gesprächen mit russischen Menschen und in Archiven überprüfen." Er ändere, einem Chamäleon gleich, ständig seine Argumentation, griff Michael Cramer von den Grünen Lehmann-Brauns an. Und forderte von ihm eine Entschuldigung für die Diffamierung Bersarins durch dessen CDU-Partner Günter Toepfer. Der hatte 1994 behauptet, dass Bersarin als Militärbefehlshaber im Baltikum 1940 für die Deportation Tausender Letten verantwortlich gewesen sei. Inzwischen ist historisch belegt, dass Bersarin zu jenem Zeitpunkt noch in Sibirien stationiert war. Lehmann-Brauns sah keinerlei Veranlassung zu dieser Geste. Statt sich für "schillernde Personen" wie Bersarin einzusetzen, solle man lieber die sowjetischen Soldaten ehren, die sich am 17. Juni 1953 weigerten, auf demonstrierende Arbeiter zu schießen und dafür hingerichtet worden seien, konterte Lehmann-Brauns

Kultursenator Christoph Stölzl, der ansonsten als kenntnisreicher Historiker brilliert, sprach vage von "schwierigem historischen Gelände" auf das man sich begebe, und dozierte, dass alle Stadtkommandanten der Anti-Hitler-Koalition nach der Hager Landkriegsordnung hätten handeln müssen. Bersarin habe weit mehr getan, betonte Rusta und zitierte als "über jeden Zweifel erhabenen" Zeitzeugen den CDU-Politiker Ernst Lemmer: "Bersarin schien nichts wichtiger zu sein, als Berlin wieder lebensfähig zu machen. Er nahm seine Aufgabe so ernst und hielt sie für so selbstverständlich, als hätte er sie in seinem eigenen Land durchzuführen."

Ernüchternd erinnerte der Chef der Senatskanzlei, Volker Kähne, dass die Berliner Richtlinie von 1953 eine posthume Verleihung der Ehrenbürgerwürde nicht zuließe. Doch schon Heinrich Zille und Otto Nagel wurden posthum aufgenommen. Der Senat könnte auch bei Bersarin generös entscheiden.

 

 <<vorheriger Artikel    Übersicht    nächster Artikel>> nach oben