|
Von Jola Merten
Kontrovers und erregt diskutierte gestern der Kulturausschuss über
die Wiederverleihung der Ehrenbürgerwürde an Berlins ersten sowjetischen
Stadtkommandanten Nikolaj Bersarin. Eine klare Mehrheit von SPD,
Bündnisgrünen und PDS sprach sich - gegen die CDU - für einen entsprechenden
Antrag von B 90/Grüne aus. Er soll bereits am Donnerstag im Parlament
behandelt werden.
1992 war Bersarin, dem 1975 posthum die Ehrenbürgerwürde in Ostberlin
verliehen worden war, vom Senat aus der Ehrengalerie der Stadt verstoßen
worden. "Ein Unrecht, das wir wieder gutmachen wollen", sagte Irana
Rusta von der SPD. Ihre Partei hatte bereits im März dem Koalitionspartner
CDU einen Antrag auf Rehabilitierung Bersarins zugesandt, doch der
ließ ihn schmoren, so dass die Grünen nachpreschten und am 9. Mai
ihrerseits einen Antrag einreichten. Genug Zeit für die CDU, sich
mit der historischen Persönlichkeit Bersarins auseinander zu setzen.
Doch der CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns plädierte nun überraschend
für eine Vertagung des Antrages bis nach der Moskau-Reise des Kulturausschusses.
"Es war die Politik Stalins, Kreide zu fressen. Ob Bersarin, der
nur sieben Wochen lang in Berlin wirkte, sich tatsächlich im Sinne
der Menschlichkeit verhielt, das wollen wir in Gesprächen mit russischen
Menschen und in Archiven überprüfen." Er ändere, einem Chamäleon
gleich, ständig seine Argumentation, griff Michael Cramer von den
Grünen Lehmann-Brauns an. Und forderte von ihm eine Entschuldigung
für die Diffamierung Bersarins durch dessen CDU-Partner Günter Toepfer.
Der hatte 1994 behauptet, dass Bersarin als Militärbefehlshaber
im Baltikum 1940 für die Deportation Tausender Letten verantwortlich
gewesen sei. Inzwischen ist historisch belegt, dass Bersarin zu
jenem Zeitpunkt noch in Sibirien stationiert war. Lehmann-Brauns
sah keinerlei Veranlassung zu dieser Geste. Statt sich für "schillernde
Personen" wie Bersarin einzusetzen, solle man lieber die sowjetischen
Soldaten ehren, die sich am 17. Juni 1953 weigerten, auf demonstrierende
Arbeiter zu schießen und dafür hingerichtet worden seien, konterte
Lehmann-Brauns
Kultursenator Christoph Stölzl, der ansonsten als kenntnisreicher
Historiker brilliert, sprach vage von "schwierigem historischen
Gelände" auf das man sich begebe, und dozierte, dass alle Stadtkommandanten
der Anti-Hitler-Koalition nach der Hager Landkriegsordnung hätten
handeln müssen. Bersarin habe weit mehr getan, betonte Rusta und
zitierte als "über jeden Zweifel erhabenen" Zeitzeugen den CDU-Politiker
Ernst Lemmer: "Bersarin schien nichts wichtiger zu sein, als Berlin
wieder lebensfähig zu machen. Er nahm seine Aufgabe so ernst und
hielt sie für so selbstverständlich, als hätte er sie in seinem
eigenen Land durchzuführen."
Ernüchternd erinnerte der Chef der Senatskanzlei, Volker Kähne,
dass die Berliner Richtlinie von 1953 eine posthume Verleihung der
Ehrenbürgerwürde nicht zuließe. Doch schon Heinrich Zille und Otto
Nagel wurden posthum aufgenommen. Der Senat könnte auch bei Bersarin
generös entscheiden.
|