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Christine Richter
Der erste sowjetische Stadtkommandant in Berlin, Nikolai Bersarin,
soll wieder Ehrenbürger der Stadt werden. Dies beschloss das Abgeordnetenhaus
am Donnerstag nach einer heftigen Debatte mit den Stimmen von SPD,
Grünen und PDS gegen die CDU. 88 Abgeordnete votierten für den Antrag,
70 stimmten dagegen. Die Sozialdemokraten verstießen damit erneut
gegen die Koalitionsvereinbarung, die ein unterschiedliches Abstimmungsverhalten
der beiden Regierungsparteien ausschließt.
Bersarin war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der erste Stadtkommandant
in Berlin. Nach nur sechs Wochen Amtszeit verunglückte der sowjetische
General bei einem Motorradunfall tödlich. 1975 ernannte der Ostberliner
Magistrat Bersarin zum Ehrenbürger. Als nach dem Fall der Mauer
die beiden Ehrenbürger-Listen von Ost- und West-Berlin zusammengefasst
wurden, entschied der Senat 1992, Bersarin von der Liste zu streichen.
Sein Wirken habe nicht den Richtlinien für eine Verleihung der Ehrenbürgerschaft
entsprochen, hieß es damals. Die Berliner CDU hatte nämlich behauptet,
dass Bersarin als Militärbefehlshaber im Baltikum für die Deportation
von 47 000 Menschen verantwortlich gewesen sei. Dies stellte sich
später nach Recherchen von Historikern als falsch heraus, denn Bersarin
war zu dieser Zeit nicht als General im Baltikum.
Der russische Stadtkommandant habe sich "um Berlin verdient gemacht",
sagte der Grünen-Abgeordnete Michael Cramer. Er habe sich um die
Versorgung der Menschen gekümmert, aber "trotz des Chaos" noch Zeit
gefunden, sich um die Kunst, Kultur und freie Religionsausübung
zu bemühen.
Bersarins Wirken ging weit über die Pflichten eines kommunistischen
Stadtkommandanten hinaus, waren sich die Abgeordneten von SPD, Grünen
und PDS einig. "Seiner Toleranz und seinem Engagement für Berlin
entsprach es, dass er unbelastete, konservativ eingestellte Persönlichkeiten
in die Aktivitäten für das Wohl der Stadt miteinbezog", sagte auch
die PDS-Abgeordnete Gesine Lötzsch. Das Parlament und der Senat
müssten deshalb den Fehler von 1992 korrigieren. "Die Entscheidung
war ein Fehler, wir haben den Behauptungen geglaubt", sagte auch
die SPD-Abgeordnete Irana Rusta.
Die CDU möchte den sowjetischen Stadtkommandanten dennoch nicht
mehr zum Ehrenbürger ernennen. "Bersarin war nur sechs Wochen Stadtkommandant
und hat sich in dieser Zeit vernünftig verhalten", sagte zwar auch
der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Uwe Lehmann-Brauns.
"Aber das reicht nicht aus." Es sei nicht entschieden, ob Bersarin
nur "eine humane Maske" getragen habe. Er könne es nicht verstehen,
warum sich die SPD mit der PDS gemein mache.
Ob Bersarin nach dem Beschluss des Abgeordnetenhauses jetzt wieder
zum Ehrenbürger ernannt wird, ist jedoch noch offen. Dies können
nämlich nur Abgeordnetenhaus und Senat gemeinsam entscheiden. Der
Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) lehnt es ab, Bersarin
posthum wieder in die Ehrenbürger-Liste aufzunehmen.
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