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"Um zu überleben"

Deutsche und sowjetische Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges
Ausstellung des Memorialmuseums deutscher Antifaschisten, Krasnogorsk, im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst
8.9. bis 5.11.2006
Eröffnung: 7.9.2006 - 18 Uhr

Um zu überleben

   

Die Ausstellung ist eine Produktion des Memorialmuseums deutscher Antifaschisten in Krasnogorsk bei Moskau, das sich damit erstmals seit der politischen Wende dem deutschen Publikum präsentiert. Auch ist es das erste Mal, dass das Deutsch-Russische Museum eine Ausstellung zeigt, die für die eigenen Räumlichkeiten außerhalb konzipiert und produziert wurde.

Zur Ausstellung ist eine Broschüre erschienen, die im Museum für 3 € erhältlich ist.

Im Januar 2006 sind 50 Jahre seit dem Tag verstrichen, an dem die letzten deutschen Kriegsgefangenen die Sowjetunion verlassen haben. Erst die Heimkehr bedeutete für sie das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion mit dem Ziel zu erobern, zu zerschlagen und zu vernichten. Stalin erklärte den Kampf zum Großen Vaterländischen Krieg. Er wurde zum blutigsten aller Kriege in der Geschichte der Menschheit, bei dem die UdSSR 27 Millionen Menschen verlor.

Die erste Kriegsphase hatte Gefangenschaft und Tod mehrerer Millionen Angehöriger der Roten Armee zur Folge, darunter Vertreter aller Nationalitäten der Sowjetunion. Nach Angaben deutscher Historiker nahm die Wehrmacht im Zeitraum von 1941 bis 1945 ca. 5,7 Millionen sowjetische Soldaten gefangen. Über drei Millionen davon, also mehr als die Hälfte, überlebten die Gefangenschaft nicht.

Die Wehrmacht erlitt ebenfalls große Verluste. Auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges fielen mehr als fünf Millionen Deutsche, darunter vier Millionen an der sowjetisch-deutschen Front. Nach Angaben russischer wie internationaler Historiker gerieten ca. drei Millionen deutsche Soldaten und Offiziere in sowjetische Gefangenschaft, die Mehrheit davon im Verlauf der Schlacht um Stalingrad, während des Rückzugs der deutschen Truppen 1944/45 sowie nach der deutschen Kapitulation. Etwa zwei Millionen kehrten später in ihre Heimat zurück.

Es gibt keinen Krieg ohne Gefangenschaft. Dennoch waren die Probleme der Kriegsgefangenschaft in der ehemaligen UdSSR ein Tabuthema. Für die Geschichtswissenschaft in der UdSSR waren die sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland überhaupt kein Thema. Über deutsche Kriegsgefangene durfte nur im Kontext der antifaschistischen Bewegung der deutschen Soldaten und Offiziere in NKWD-Lagern gesprochen werden.

Unter diesen Umständen entstand 1985 in der Stadt Krasnogorsk bei Moskau das "Memorialmuseum deutscher Antifaschisten". Es geht auf eine Initiative der Deutschen Demokratischen Republik zurück. Gegenstand des Museums wurden die Gründung und die Tätigkeit des "Nationalkomitees Freies Deutschland", in dem sich deutsche Kriegsgefangene, Politemigranten und Kommunisten auf der Gründungskonferenz im Juli 1943 in Krasnogorsk zusammengefunden hatten. In den 1990-er Jahren, als der Umgang mit der Kriegsgefangenenthematik und der Zugang zu Archivbeständen und privaten Sammlungen offener geworden waren, konnte auch das "Memorialmuseum deutscher Antifaschisten" Materialien sammeln und ausstellen, die sich nicht nur auf die antifaschistische Bewegung der Kriegsgefangenen, sondern auch auf das Problem der Kriegsgefangenschaft in der UdSSR im allgemeinen bezogen. Seit dieser Zeit änderte sich die ständige Ausstellung des Museums wesentlich mit dem Ziel, das Schicksal der Kriegsgefangenen so umfassend wie möglich mit seinen unterschiedlichen Aspekten darzustellen.

Die Wanderausstellung "Um zu überleben" ist das Ergebnis langjähriger Arbeit des "Memorialmuseums deutscher Antifaschisten" im Bereich der Erforschung und musealen Aufbereitung der wenig bekannten Seiten des Zweiten Weltkrieges, die mit den sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland und den deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion verbunden sind.

Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen im Deutschland war Teil der von den Nationalsozialisten praktizierten Vernichtungspolitik. Doch auch für Millionen Deutsche wurde die Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion zu einem traumatischen Erlebnis sowohl in psychischer als auch in physischer Hinsicht. Obwohl die Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen nicht auf einer gezielten Vernichtungsstrategie beruhte, führten die ungewöhnlich harten Klimabedingungen, schlechte Kleidung und die äußerst knapp bemessene und ungewohnte Verpflegung zu großen Opfern. Besonders hoch war die Todesrate in den Kriegsjahren. Trotzdem vermochte das zerstörte und ausgeplünderte Land, dessen Bevölkerung selbst unter Hungersnöten litt, fast 70% der Kriegsgefangenen am Leben zu erhalten und sie nach Deutschland zu repatriieren.

Die begrenzte Ausstellungsfläche macht es unmöglich, die Kriegsgefangenschaft in Deutschland und der UdSSR umfassend darzustellen. Die Ausstellung konzentriert sich daher zunächst auf die Organisation des Lagersystems für sowjetische und deutsche Kriegsgefangene sowie die tatsächlichen Lagerbedingungen. Die Lage der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion steht dabei im Vordergrund. Darüber hinaus berichtet die Ausstellung über die Umstände, unter denen Wehrmachtsangehörige in Gefangenschaft gerieten, über die sowjetische Gesetzgebung, von der die Kriegsgefangenen betroffen waren, über ihre Zusammensetzung und Anzahl, sowie über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Von besonderem Interesse ist dabei die von der russischen Geschichtswissenschaft sowie in der musealen Darstellung bisher nur zurückhaltend thematisierte Frage der strafrechtlichen Verfolgung von Kriegsgefangenen sowie ihrer Repatriierung in die Heimat. Einen wichtigen Platz in der Ausstellung nimmt das Thema des Durchgangslagers für Offiziere Nr. 27 ein, eines der 2500 Lager im System der Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Internierte (GUPWI), die dem NKWD (Volkskommissariat für Inneres) der UdSSR unterstellt waren. In diesem Lager waren Kriegsgefangene zahlreicher europäischer Nationalitäten inhaftiert, die Mehrheit davon Deutsche. Präsentiert werden zudem Materialien zur antifaschistischen Tätigkeit deutscher Kriegsgefangener, zur Gründung des "Nationalkomitees Freies Deutschland" (NKFD) und des "Bundes Deutscher Offiziere" (BDO) sowie über die Tätigkeit des Arbeitskreises für kirchliche Fragen im NKFD.

Einen besonderen Akzent erhält die Ausstellung durch den Bezug zu einem ganz eigenen Bereich des Lagerlebens, nämlich der kreativen und künstlerischen Tätigkeit deutscher Kriegsgefangener. Er gab der Ausstellung den Titel. Der Wille zum Überleben, zugleich aber auch die Absicht, etwas Menschliches und Schönes in das Routineleben einzubringen, der Drang, den ständigen Stress durch Angst und Entbehrung zum Ausdruck zu bringen, der Wunschtraum von Brot und Heim - all dies waren Triebkräfte für die Gefangenen, Werke der Literatur und Musik, Malerei, Grafik und Kleinplastik zu schaffen. Zuweilen geschah dies auch, weil man diese Erzeugnisse nutzbringend tauschen oder zum eigenen Vorteil einem Lagermitarbeiter schenken konnte. Unter den Exponaten finden sich Bilder, Zeichnungen und handgefertigte Erzeugnisse wie Schatullen, Zigarettenetuis, Urkunden und Grußadressen, die heute nicht nur als Gegenstände aus dem Alltagsleben eines Kriegsgefangenenlagers, sondern auch als Ergebnisse künstlerischen Ausdrucks angesehen werden.

Für die Darstellung sowjetischer Kriegsgefangener in Deutschland wurden Materialien aus den Beständen des Zentralen Museums des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945, Fotos aus Beutebeständen des Russischen Staatlichen Archivs für Film- und Fotodokumente (RGAFD) sowie Nachbildungen einiger Dokumente, die im Staatlichen Archiv des Orenburger Gebietes aufbewahrt werden, herangezogen. Zudem zeigt die Ausstellung eine Reihe von Bildern aus deutschen Archiven, die wissenschaftlichen Publikationen entnommen wurden. Dem Ausstellungsabschnitt zu den deutschen Kriegsgefangenen in der UdSSR liegen Materialien aus den Beständen des "Memorialmuseums deutscher Antifaschisten" zu Grunde. Den größten Teil davon bilden Fotos der bekannten Kriegsreporter Boris Wdowenko, Anatolij Jegorow, Viktor Kinelowskij, P. Ostrouchow, W. Sanko und Arkadij Schaichet sowie Dokumente, die über die Gefangenschaft berichten. Aus den Museumsbeständen stammen auch Exponate aus dem persönlichen Besitz von Kriegsgefangenen, Gegenstände aus den Lageralltagsleben, Werke der deutschen kriegsgefangenen Maler Hans Mroczinki, Paul Botta, Hans Hannich und anderen unbekannten Meistern, handgefertigte Erzeugnisse, Geschenke und Briefe an Stalin.

Der größte Teil der Ausstellungstücke wird dem Museumsbesucher in Deutschland zum ersten Mal präsentiert. Das Zentrale Museum des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 und seine Filiale - das "Memorialmuseum deutscher Antifaschisten" - haben die Hoffnung, dass die Bewertung der präsentierten Ausstellungsgegenstände sowie der historischen Ereignisse von einem allgemein menschlichen Standpunkt aus erfolge. Mögen auch die deutschen Besucher im Respekt vor dem Andenken derjenigen, die in den Lagern beiderseits der Front von Leid und Tod betroffen waren, nicht gleichgültig bleiben.
 

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