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Dossier[...], das, -s/-s, Akte, in der (belastendes) Material
über jemanden, einen Vorgang, eine Sache gesammelt ist.
Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, Bd.
5, Mannheim 1988 (19. Auflage), S. 635.
Leningrad - bis 1914 und seit 1991 wieder St. Petersburg - wurde
im Zweiten Weltkrieg 900 Tage lang, vom September 1941 bis zum
Januar 1944, von deutschen Truppen belagert. Bis zum Januar 1943
war die Stadt von allen Landverbindungen zum sowjetischen Hinterland
abgeschnitten. Auch wenn die kriegsentscheidenden Schlachten vor
Moskau, im Kaukasus und um Stalingrad geschlagen wurden, kosteten
die Kämpfe um Leningrad und an der an das Leningrader Gebiet
anschließenden Wolchowfront auf beiden Seiten das Leben
Hunderttausender Soldaten.
Im September 1941 befanden sich ca. 2,4 Millionen Zivilisten in
Leningrad. Im Laufe der Belagerung starben 18000 Einwohner durch
Bomben oder Artilleriefeuer der Belagerer, mindestens 800000 Einwohner
der Stadt starben durch Hunger oder Hungerfolgen. Die größte
Zahl verhungerte im Winter und Frühjahr 1941/1942, da der
Nachschub, der ausschließlich über den Ladogasee zugeführt
werden konnte, völlig unzureichend war. Die auf Lebensmittelkarten
zustehenden Rationen waren so gering, dass es eher verwundert,
warum nicht wesentlich mehr Einwohner der Stadt an Hunger starben.
Der hunderttausendfache Tod der Leningrader Zivilbevölkerung
war nicht tragische Folge einer schicksalhaften Kriegskonstellation.
Erklärtes Ziel des deutschen Angriffs und der folgenden Belagerung
Leningrads war die vollständige Zerstörung der Stadt
und die Vernichtung der Mehrzahl seiner Einwohner als "überflüssige
Esser". Diese Zielsetzung fügte sich in eine Gesamtplanung,
die die millionenfache Vernichtung der Bevölkerung Osteuropas
vorsah, um "Lebensraum" für deutsche Siedler zu
schaffen. Das Massensterben in Leningrad war nicht Teil einer
Tragödie, sondern - partiell realisierter - Teil des geplanten
Völkermords an der slawischen Bevölkerung Osteuropas.
Für die russische Seite war es vor allem unter psychologischen
Gesichtspunkten von großer Bedeutung, dass Leningrad - für
die einen alte Hauptstadt und Zentrum der Kultur, für die
anderen Stadt der Oktoberrevolution - nicht kapitulierte. Apathie
und Terror mögen für die Aufrechterhaltung des Widerstands
in der belagerten Stadt große Bedeutung besessen haben.
Wesentlicher war jedoch das Selbstbewusstsein, nicht ausschließlich
das physische Überleben zu ermöglichen, sondern damit
zugleich diese Stadt als Inbegriff der modernen "westlichen"
russischen Zivilisation vor barbarischer Vernichtung zu retten.
Ein umfassendes Gesamtbild der Blockade und des Massensterbens
von 800 000 Menschen zu vergegenwärtigen, ist im Rahmen einer
Ausstellung kaum möglich. In der Präsentation unterschiedlicher
Materialgruppen, der "Dossiers" deutscher und russischer
Herkunft ermöglicht die Ausstellung jedoch aus wechselndem
Blickwinkel jeweils neue Annäherungen an das Thema.
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