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In der deutschen Geschichtserinnerung wird Moskau im Krieg vor
allem mit dem Vorstoß der Heeresgruppe Mitte im Oktober/November
1941 verbunden, mit der Annäherung bis auf dreißig Kilometer
an die Stadt, von der die ersten Abteilungen schon die Fabrikschornsteine
und Kirchtürme erkennen konnten, bis sie vom sowjetischen Gegenangriff
in einer blutigen Winterschlacht um mehr als hundert Kilometer zurückgeworfen
wurden. Die Erfahrungen und Leiden dieses Winterkrieges sind in
unserer Erinnerung präsent, viel weniger präsent sind
die Ziele des Angriffs, der in dieser Schlacht gipfelte, und noch
weniger wissen wir von denen, auf die der Angriff gerichtet war.
Moskau, die Hauptstadt der Sowjetunion, das Zentrum der politischen
Macht und der industriellen Planung, der Wissenschaft und Kultur,
ein sowjetisches Industriezentrum und zugleich der Wohnort und Lebensmittelpunkt
von mehr als vier Millionen Menschen, wurde für einige Monate
eine Stadt im Frontbereich. Ein großer Teil der Bevölkerung
wie auch der Regierung und Verwaltung wurden evakuiert, die Stadt
wurde zur Verteidigung ausgebaut und war Luftangriffen ausgesetzt.
Normalität kehrte auch nach der Abwehr des deutschen Angriffs
nicht zurück.
Wie veränderte sich die Hauptstadt der Sowjetunion in den Jahren
eines Krieges, der auf sowjetischer Seite mehr als 25 Millionen
Opfer forderte, darunter mehr als 350 000 Einwohner des Moskauer
Gebiets, die als Soldaten eingezogen worden waren?
In insgesamt sechs Kapiteln will "Moskau im Krieg" die
unterschiedlichen Aspekte der Auswirkungen dieses Krieges auf die
Stadt sichtbar machen. Die "politische" wie die "menschliche"
Perspektive machen dabei den Blick frei auf Moskau als politische
Drehscheibe des gesamtes Landes einerseits, auf den Lebens- und
Wohnraum für mehr als vier Millionen Menschen, die in der Stadt
zu Beginn des Krieges lebten andererseits. In Fotos und Dokumenten,
in Plakaten, Flugblättern, Karikaturen, in Kleidung, Ausrüstung
wie auch Gegenständen des Alltags bis zur Wohnzimmerecke soll
das Leben in der Stadt deutlich werden.
Das einleitende Kapitel zeigt Schlaglichter der letzten Friedenstage
wie der ersten Kriegstage, Ausschnitte aus dem Alltag der Moskauer
im Juni 1941: Fotografien von Abiturfeiern Ende Mai 1941; Impressionen
von Moskauer Straßen an einem Sommertag im Juni; die Regierungserklärung
Molotows am 22. Juni, am Tag des Überfalls; die Reaktion der
Bevölkerung, die Freiwilligenmeldungen in den ersten Tagen
des Krieges.
Welchen Herausforderungen sich Führung wie Bevölkerung
gegenüber sahen und welche konkreten Maßnahmen im Krisenjahr
1941/Anfang 1942 ergriffen wurden, ist Gegenstand eines zentralen
Abschnitts. Dazu gehört die militärische Mobilisierung,
die Einberufungen und Verteidigungsvorbereitungen, die Evakuierung
großer Teile der Moskauer Bevölkerung wie auch ganzer
Betriebe in Richtung Osten, die Luftverteidigung, die Organisierung
und die psychologische Bedeutung des "Volksaufgebots"
und schließlich die Situation der Frontstadt in der "Schlacht
um Moskau" im Winter 1941/42.
Es war psychologisch und propagandistisch bedeutsam, dass Moskau
auch unter den Bedingungen der Kriegszeit weiterhin in seiner herausragenden
Funktion als politisches Zentrum der Sowjetmacht erkennbar blieb.
Dazu gehörte die Präsenz politischer, militärischer
und wirtschaftlicher Entscheidungsträger, insbesondere in der
bedrohlichen Situation der zweiten Jahreshälfte 1941. Auch
die Zurschaustellung des ehemals scheinbar unbesiegbaren Gegners
fand selbstverständlich in Moskau statt, sei es in der großen
Ausstellung von militärischem Beutegut im Gorkipark oder in
der endlos scheinenden Kolonne von 70.000 deutschen kriegsgefangenen
Offizieren und Soldaten, die 1944 demonstrativ durch die Hauptstadt
geführt wurden. Zum politischen Spektrum gehörten schließlich
auch die Bündnispartner: westliche Politiker auf Moskau-Visite,
die Vertretung der Alliierten in eigens eingerichteten Militärmissionen
in Moskau.
Die andere Seite war die Organisierung von Leben unter den Bedingungen
der verschiedenen Kriegsphasen: Arbeiten für den Krieg in der
Produktion, die Anstrengungen der Wissenschaft, die Rolle der Stadt
als medizinisches Zentrum für den Krieg, die Rolle von Kultur
und Bildung; die Schwierigkeiten des Alltagslebens, das nur die
knappste Befriedigung der existentiellen Bedürfnisse erlaubte.
Der triumphale Sieg und seine propagandistische Inszenierung durch
die Staatsführung stehen schließlich am Ende der Ausstellung.
Die notwendige Ergänzung zu diesen Feiern wird der Besucher
in den Moskauer Totengedenkbüchern der Dauerausstellung finden.
Die Ausstellung wurde zwar vom deutsch-russischen Museum Berlin-Karlshorst
geplant und vorbereitet. Zugleich ist es die Ausstellung des Staatlichen
Historischen Museums in Moskau, das den überwiegenden Teil
der Exponate zur Verfügung stellt und Partner in allen Phasen
der Vorbereitung war. Diese Zusammenarbeit hat nicht erst mit der
Planung der Ausstellung begonnen, sie reicht in die Mitte der neunziger
Jahre zurück und findet jetzt auch keineswegs ihren Abschluss.
Zweifellos werden dann auch weniger düstere Kapitel deutsch-sowjetischer
bzw. russischer Geschichte Gegenstand der Kooperation sein, aber
an diesen dunklen Kapiteln kommen wir nun einmal nicht vorbei.
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