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"Heldenepos", "Opfergang", "Tragödie" "Lehrstück" sind nur einige Deutungsmuster in der
sowjetischen, der deutschen (West) und der deutschen (Ost) Erinnerung an das Ereignis von
Stalingrad. Was war die Chiffre "Stalingrad" in einzelnen Geschichtsperioden im
Selbstverständnis der Deutschen und der Russen?
Sechzig Jahre nach der Schlacht von Stalingrad wendet sich das Deutsch-Russische Museum
Berlin-Karlshorst dem Thema zu. Es wird nicht zum wiederholten Male den Schlachtverlauf
repetieren, die strategischen Entscheidungen und das hunderttausendfache Sterben auf beiden
Seiten nachzeichnen und damit den vielen hundert Darstellungen und Deutungen eine weitere
hinzufügen.
Gegenstand der Präsentation ist vielmehr, die zahlreichen Deutungen dieses Ereignisses im
Verlauf der sechzig Jahre seit der Schlacht nachzuzeichnen. Dabei blicken wir auf
Geschichtsschreibung, Literatur, Film, Architektur und bildende Kunst, die versuchen, das
Ereignis zu deuten und ihm Bedeutung zu verleihen.
Schon während der Schlacht begann auf beiden Seiten die Aufladung der Kämpfe mit
historischer Bedeutung, die auf deutscher Seite bald abgebrochen wurde. Für die Sowjetunion
wurde die Schlacht zum historischen Zeichen des unabwendbaren Sieges, an das nicht nur
während des Krieges, sondern auch immer wieder nach dem Krieg erinnert wurde. Seinen
Höhepunkt fand diese öffentliche Erinnerung im monumentalen Denkmalsensemble auf dem
Mamajew-Hügel, dessen Symbole in der kollektiven Erinnerung der Sowjetunion einen
beherrschenden Platz einnehmen.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde in den fünfziger Jahren in Büchern, Zeitschriften
und Filmen an das "Opfer" der 6. Armee erinnert: Opfer der sowjetischen Feinde wie des
"Verrats" der Naziführung, das die deutsche Bevölkerung fast ausnahmslos vom eigenen
Anteil an dieser Herrschaft entlastete. Opfer, wenn auch mit anderem Akzent, waren die
Deutschen auch bald in der Erinnerung der DDR. Der Untergang der sechsten Armee galt als
Lehrstück, das auch in der Auseinandersetzung um die Remilitarisierung instrumentalisiert
wurde.
Verblasste in den folgenden Jahrzehnten Stalingrad im deutschen Geschichtsbild, so fand es
nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation neue Aufmerksamkeit: als immer häufiger
erinnertes gemeinsames Symbol der Versöhnung der ehemaligen Feinde, aber auch als immer
wieder verwendbares Medienereignis, das mit wachsender Entfernung zum historischen
Ereignis zur beliebig auswechselbaren Chiffre wurde.
Die kritische Reflexion der vielen ideologisch geprägten Deutungsmuster der Schlacht von
Stalingrad kann im Ergebnis auch eine neue Annäherung an das Ereignis selbst möglich
machen.
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