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Begleitprogramm September 2021 - Juni 2022

Mit mehr als 3 Millionen Toten gehören die sowjetischen Kriegsgefangenen zu den größten Opfergruppen deutscher Massenverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls auf die Sowjetunion erinnert das Museum Berlin-Karlshorst an dieses Verbrechen.

Von September 2021 bis Juni 2022 bietet das Begleitprogramm vertiefende Einblicke in Einzelaspekte, die in der im Juni 2021 eröffneten Wanderausstellung „Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ aufgegriffen werden. (Informationen zu öffentlichen Führungen durch die Ausstellung erhalten Sie hier.)

Der Eintritt ist frei.

Für eine Teilnahme melden Sie sich bitte vorab an unter schroeder@museum-karlshorst.de

 

Hier gelangenen Sie zu den Video-Mitschnitten der vergangenen Veranstaltungen.

 

Termine und Themen (Übersicht im pdf-Format):

 

Do, 16.9.21, 19 Uhr:

Sowjetische Kriegsgefangene im Sommer 1941 - Der Beginn der Massenmorde. Das Beispiel Litauen (mit Christoph Dieckmann)

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 rückte die Wehrmacht auf litauischem Territorium schnell vor. Die Rote Armee führte nur einige Rückzugsgefechte. Gleichwohl gerieten hunderttausende sowjetische Armeeangehörige in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Wehrmacht errichtete in vielen litauischen Städten, Dörfern und auf freiem Feld improvisierte Lager. In diesen starben bis April 1942 fast 170.000 Gefangene.

Christoph Dieckmann hat erste Forschungen zu den sowjetischen Kriegsgefangenen in Litauen geleistet, deren Opferzahl zunächst sogar die der dortigen jüdischen Bevölkerung übertraf. Das Geschehen in Litauen gibt uns zahlreiche Hinweise auf die größeren Zusammenhänge der deutschen Massenverbrechen.

Begrüßung: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

Moderation: Babette Quinkert (Kuratorin der Sonderausstellung "Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg)

 

Di, 12.10.21, 19 Uhr:

„… ein notwendiges Übel“ – Der Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen im Reichsgebiet (mit Rolf Keller, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten)

Im Verlauf des Krieges wurden in der deutschen Kriegswirtschaft zunehmend Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kamen wegen des notorischen Arbeitskräftemangels trotz ideologischer Bedenken auch im Reichsgebiet sowjetische Kriegsgefangene zum Einsatz. Unzureichende Verpflegung, brutale Behandlung und harte Arbeitsbedingungen verursachten im Herbst/Winter 1941/42 eine hohe Todesrate. Nach dem Scheitern der Blitzkriegsstrategie im Krieg gegen die Sowjetunion und dem damit verbundenen drastischen Anstieg des Arbeitskräftebedarfs wurde die Behandlung der Kriegsgefangenen im Frühjahr 1942 den Sachzwängen angepasst, so dass sich ihre Situation allmählich besserte, jedoch weiterhin nicht annähernd derjenigen der Kriegsgefangenen aus anderen Staaten entsprach.

Rolf Keller hat zu den sowjetischen Soldat_innen in den Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern im Deutschen Reich geforscht und Veröffentlichungen unter anderem zu ihrem Arbeitseinsatz vorgelegt. Sein Vortrag wird durch zeitgenössische Fotografien und Dokumente illustriert.

Begrüßung: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

Moderation: Babette Quinkert (Kuratorin der Sonderausstellung "Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg)

 

Di, 25.1.22, 19 Uhr:

Personen – Daten – Sätze. Digitale Medien und Erinnerung an sowjetische Kriegsgefangene (mit Heike Winkel, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.)

Systematische Digitalisierung von Beständen ist heutzutage Standard im Achivwesen. Auch für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im Allgemeinen und sowjetische Kriegsgefangene im Besonderen sind elektronische Datenbanken unverzichtbar und allgegenwärtig. Sie tragen Quellenmaterial zusammen, das analog oft schwer zugänglich und unzusammenhängend ist und machen es niederschwellig verfügbar. Dadurch wirken sie wie Katalysatoren der Erinnerung. Viele Menschen können nun relativ leicht bisher unbekannte oder unvollständige Familiengeschichten rekonstruieren. Für Forschende bieten Datenbanken hervorragende Recherchemöglichkeiten durch komplexe Abfragen. Mit Blick auf die jahrzehntelange Marginalisierung der Erinnerungen an sowjetische Gefangene ist dies eine bemerkenswerte Entwicklung.

Der Vortrag untersucht virtuelle Archive als Medien der Veränderung von kollektiver und individueller Erinnerung an sowjetische Kriegsgefangene in Russland und Deutschland. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Datenbanken des Projekts „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene“.

Begrüßung und Moderation: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

 

Do, 17.3.22, 19 Uhr:

Gefallen – Gefangen – Begraben. Kriegsgräberstätten sowjetischer Kriegsgefangener seit 1945 (mit Jens Nagel, Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain)

Soldatenfriedhöfe sowjetischer Kriegsgefangener waren bis zur deutschen Wiedervereinigung in der öffentlichen Wahrnehmung von Soldatenfriedhöfen marginalisiert. Im sowjetischen Machtbereich wurden infolge stalinistischer Repression die Namen der Opfer bewusst nicht genannt, denn Kriegsgefangenschaft war bis zum Zerfall der Sowjetunion ein Tabuthema. Sie passten nicht ins Narrativ vom siegreichen Großen Vaterländischen Krieg. Ihre Grabstätten wurden sehr häufig umgedeutet und so gestaltet, dass sie für die Erinnerung an alle sowjetischen Opfer des Kampfes gegen den Faschismus genutzt werden konnten.

Friedhöfe sowjetischer Kriegsgefangener wurden in der Bundesrepublik als Provokation betrachtet. Denkmäler wurden geschliffen und gerade die Friedhöfe an ehemaligen Standorten von Lagern mit zehntausenden von Opfern umfassend umgestaltet und umgedeutet. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung und den Auseinandersetzungen um die Verstrickung der Wehrmacht in die nationalsozialistischen Verbrechen ab Mitte der 1990er Jahre nahm die wissenschaftliche Beschäftigung mit den sowjetischen Kriegsgefangenen an Fahrt auf und die Gestaltung der Soldatenfriedhöfe rückte verstärkt in den öffentlichen Fokus.

Begrüßung und Moderation: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

 

DIESER TERMIN ENTFÄLLT LEIDER: Do, 7.4.22, 19 Uhr:

Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Gestapo und SS: Wege sowjetischer Kriegsgefangener in die KZ (mit Daria Kozlova, KZ-Gedenkstätte Flossenbürg)

Nationalsozialistische Konzentrationslager dienten vor Beginn des Zweiten Weltkriegs der Kontrolle und Erziehung potenziell staatsfeindlicher Personen und damit aus Sicht der Nationalsozialisten dem Schutz der „Volksgemeinschaft“. Unterschiedliche politische Einstellungen, abweichendes Verhalten oder soziale Gründe konnten dazu führen, in sogenannte Schutz- oder Vorbeugungshaft genommen zu werden. Der Aufenthalt von Kriegsgefangenen in den KZ war ursprünglich nicht vorgesehen. Trotzdem gelangten nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion mehr als 100.000 männliche und eine nicht zu bestimmende Zahl weibliche Angehörige der Roten Armee in die KZ. Bei ihrer Ausbeutung, Bestrafung und Hinrichtung arbeiteten Wehrmacht, Gestapo und SS eng zusammen. Der Vortrag zeigt auf, wie den sowjetischen Gefangenen durch diese Kooperation ihr Status als Kriegsgefangene entzogen und internationale kriegsrechtliche Schutzbestimmungen ausgehebelt wurden – aus ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen.

Daria Kozlova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Historischen Abteilung der Gedenkstätte Flossenbürg. Sie promoviert zudem zum Thema „Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine nach 1991“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Begrüßung: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

Moderation: Babette Quinkert (Kuratorin der Sonderausstellung "Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg)

 

Do, 12.5.22, 19 Uhr:

Sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Diensten. Kooperation, Kollaboration, Organisation? (mit Thomas Sandkühler, Humboldt-Universität zu Berlin)

Das nationalsozialistische Deutschland brachte während der „Aktion Reinhardt“ im sog. Generalgouvernement Polen mindestens eineinhalb Millionen jüdische Frauen, Männer und Kinder um. Sie wurden in der Nähe ihrer Wohnorte erschossen oder in die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka verschleppt und dort mit Motorabgasen erstickt. Die „Aktion Reinhardt“ stand lange Zeit ganz im Schatten von Auschwitz-Birkenau als Tat- und Erinnerungsort - ebenso wie die weitgehend vergessene Ermordung von rund drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die im deutschen Gewahrsam verhungerten und erschossen wurden.

Zwischen beiden Verbrechenskomplexen bestanden vielfache Zusammenhänge. Am sinnfälligsten ist die Rekrutierung von Kriegsgefangenen als Hilfspolizisten der SS, die in einem besonderen Lager ausgebildet und anschließend bei Wachdiensten in deutschen Einrichtungen eingesetzt wurden. In den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“ stellten diese „Trawnikis“ sogar die Mehrheit des Personals.

Helfer wie die Trawniki-Männer waren das „Fußvolk“ der Täter und das personelle Rückgrat der Tatapparate. Wie ist dieses Verhalten der früheren Soldaten zu erklären? Wie ist es politisch zu beurteilen? Handelte es sich um Kollaboration oder Kooperation? Wie groß war der Zwang zum Mittun? Diese Fragen stehen neben der Realgeschichte der „Trawniki“-Formationen im Vordergrund des Vortrags von Thomas Sandkühler, der unlängst eine Monographie über „fremdvölkische“ Hilfspolizisten in deutschen Diensten veröffentlicht hat.

Begrüßung: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

Moderation: Babette Quinkert (Kuratorin der Sonderausstellung "Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg)

 

Do, 2.6.22, 19 Uhr:

Sowjetische Kriegsgefangene. Rückkehr und Erinnerung (mit Esther Meier, Deutsches Historisches Institut Moskau)

Der deutsche Umgang mit den sowjetischen Kriegsgefangenen zählt zu den größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Diejenigen, die überlebten, wurden in ihrem Heimatland jedoch nicht als Sieger, sondern als Verräter empfangen. Die Rückkehrer sahen sich mit geheimdienstlicher Überprüfung und Stigmatisierung konfrontiert, einige auch mit Zwangsmaßnahmen. In der Erinnerungsgemeinschaft an den „Großen Vaterländischen Krieg“ war für sie lange kein Platz. Das Bild der Kriegsgefangenen als „feige Elemente“ und Kriegsteilnehmer zweiter Klasse blieb in der Sowjetunion jahrzehntelang wirkungsmächtig, aber keineswegs unangefochten. Unterschiedliche sowjetische Akteure aus Politik, Kultur, Militär und Gesellschaft forderten Anerkennung für die sowjetischen Kriegsgefangenen und eine Pluralisierung der Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg.“

Esther Meier stellt Quellen aus postsowjetischen Archiven vor, die die geheimdienstliche Überprüfung der Kriegsgefangenen dokumentieren, und bietet einen Überblick zu Kriegsgefangenschaft, Rückkehr und Erinnerung aus sowjetischer Perspektive.

Zur Person: Dr. Esther Meier ist wissenschaftliche Leiterin des Projekts „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene“ am Deutschen Historischen Institut in Moskau.

Begrüßung und Moderation: Jörg Morré (Direktor des Museums Berlin-Karlshorst)

 

An den Veranstaltungsabenden sind die Ausstellungen des Museums bis zum jeweiligen Veranstaltungsbeginn um 19 Uhr geöffnet.